Ich habe Flugsehnsucht


von: Hanna Reitsch

Ich habe Flugsehnsucht. Nach den Wolken, dem Wind, nach der Weite.
Dort oben möchte ich jetzt mit meinem Segelflugzeug lautlos ziehen,
fern unter mir die Erde. Und während meine Hand ruhig den
Steuerknüppel hält, blicken meine Augen über die glänzenden
Flügelflächen hinweg in den Himmel. Ehrfurcht erfüllt mich, denn um
mich herum ist Schweigen. Im Gleitflug trägt mich nun das
Segelflugzeug wieder der Erde zu. Sie kommt näher und näher. Berge
erheben sich, Hügel fallen zur Ebene ab, Städte wachsen empor.

Die Erde ist dieselbe geblieben. Aber sie hat sich nun in mir
gewandelt. Wer Gott begegnet ist, muß dem Menschen nahe sein. Das ist
die Erkenntnis, die mich das Fliegen gelehrt hat. Menschlicher Geist,
Wissenschaft und Technik vermögen nichts, wenn Herz und Seele mit der
Entwicklung nicht Schritt halten. Sie sind das Gewissen, das zur
Ehrfurcht vor der göttlichen Ordnung führt. Haben wir nicht längst im
Nächsten den Menschen verloren? Wir werden ihn erst wiederfinden, wenn
wir die Ehrfurcht wiedergefunden haben.

Wir Flieger auf der ganzen Welt haben alle eine große Aufgabe: Das,
was wir hoch oben erleben dürfen, auf die Erde hinunter zu tragen.
Dort oben nämlich gibt es keine Grenzen, keine Völker, keine Sprachen
- dort oben bilden alle eine Einheit. Der einsame Flug in dieser
grenzenlosen Weite hat unsere Seelen zu Brüdern gemacht.

Möge das Fliegen der Welt zum Frieden verhelfen!


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