Flugschüler Piefke erhält Gefahreneinweisung


gezeichnet von Hans Medicus, Bobingen

Bevor ein Mensch das erste Mal
alleine fliegt im Weltenall,
wird er mit allen Raffinessen
den Luftgefahren angemessen.
Die Fliegerei in diesem Rahmen
hat einen speziellen Namen
voll akrobatischer Verheißung:
Man nennt sie kurz: "Gefahreneinweisung"!

Der Lehrer sagt zu Piefke nur:
"Du fliegst jetzt mit auf Kunstflugtour
und bleibst mir ständig frisch und munter,
ganz gleich, ob's rauf geht oder runter!
Schnall deine Gurten kräftig an,
weil es dir sonst passieren kann,
daß dir der Blinddarm rutscht zur Seite
samt manchem andern Eingeweide!"
Der Piefke tut's - und voller Freuden
sieht er beim Start sich aufwärts gleiten.
Er denkt: Das ist nur Prahlerei!
In Wirklichkeit ist nichts dabei,
denn, wenn es kracht, geht ohne Zweifel
auch der Herr Lehrer mit zum Teufel!"

Sobald der Hochstart ist beendet,
der Lehrer sich zum Kunstflug wendet.
Erst wird das Flugzeug angedrückt -
hier lächelt Piefke noch entzückt,
doch dann, bei hundertdreißig Sachen,
vergeht sein arrogantes Lachen,
denn in demselben Augenblick
geht Piefkes Knüppel jäh zurück---

- Wer jemals hat Physik studiert,
der weiß, was Piefke nun passiert -
der Fliehkraft Wucht zerrt mit Gewalt
an Piefkes Idealgestalt,
sein Rundkopf wird mit einem Male
zu einer länglichen Ovale,
leer wird's in seinem armen Hirne,
die Augen quellen aus der Birne,
und tausend bunte Himmelssterne
erscheinen deutlich in der Ferne.
Des Piefke's Frohsinn ist entschwunden,
sein halber Magen rutscht nach unten,
und wo sonst sichre Erdenschwere,
herrscht plötzlich Übeikeit und Leere.

Man schießt empor gleich einem Pfeile -
doch nur für eine kurze Weile -
langsam verstummt das feine Sausen
am Rumpf und an den Flächen draußen,
dann geht im nächsten Augenblick
der Staudruck bis auf Null zuruck,
und wo sonst 100 km/h,
ist plötzlich keine Fahrt mehr da! -

- Die Welt ist ruhig, man steht am Fleck,
und jeder Steuerdruck ist weg -
in dieser bösen Schreckminute
wird Piefke schwummerlig zumute,
denn plötzlich denkt der arme Wicht
an seinen letzten Unterricht,
wo man ihm sagte, was passiert,
falls man die letzte Fahrt verliert!
Er weiß, die Lage ist .......
weil seine Strömung abgerissen.
Er weiß, es fehlt das muntre Spiel
von Druck und Sog rund ums Profil,
und oft schon hat man ihm erzählt,
was nachfolgt, wenn der Auftrieb fehlt!

Und siehe da, zur selben Zeit
wird Theorie zur Wirklichkeit,
denn in den folgenden Sekunden
da schießt sein Flugzeug steil nach unten,
und er erkennt zu seiner Qual:
Der Horizont steht vertikal!
Der Blickpunkt ist davongeschwommen,
die letzte Klarheit ist genommen,
er sieht nur noch in dieser Haltung
die nahe Krankenhausverwaltung.

Als dann der Lehrer - reichlich spät -
zum Flachflug wieder übergeht,
hofft Piefke, daß der Flug beendet
und man sich nun zur Landung wendet.
Doch gleich darauf merkt er bereits:
Dies war ein Irrtum - seinerseits -
Weil viele andere Gefahren
noch gar nicht durchgenommen waren:
Die hochgezogene Steigflugkehre
gehört auch zur Gefahrenlehre,
der Messerflug, das Seitwärtskippen
und kalifornisches Riesenslipen
gehör'n zum Lehrplan sowieso
laut Luftgesetz und S. B. 0.!

gezeichnet von Hans Medicus, Bobingen

Als nun die Kurbelei begann,
da strengt sich Piefke mächtig an,
um all den Fliehkraft-Urgewalten
mit seinem Körper standzuhalten.
Die ersten flachen Kurvenlagen
bereiten ihm kein Unbehagen,
doch als der Winkel steiler wird,
er langsam jeden Halt verliert
und nach dem 75. Grade
klebt er vorn drin - wie 'ne Tomate.
Die Fliehkraft preßt die Eingeweide
und schiebt den Blinddarm auf die Seite,
die Backen, einer nach dem andern,
versuchen seitlich abzuwandern.
Der Piefke wird zur Wand gedrückt,
sein Innenleben ist geknickt,
und in des Sturzflugs letzter Phase
entleert sich seine Kunstflug-Blase.

Nach 5 Minuten Kurbelei
ist der Gefahrenflug vorbei,
der Lehrer endet seine Mätzchen
und schwebt ganz ruhig zum Landeplätzchen.
Dort räumt der Piefke die Maschine
mit blasser, ausdrucksloser Miene.
Er lehnt sich an des Rumpfes Rand,
um zu verbessern seinen Stand.
Doch auf der Freunde Fragerei
da sagt er stolz: -,,War nichts dabei!"

gezeichnet von Hans Medicus, Bobingen


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