Märchen von den Hexen, |
Text: Uli Schmidt, Team BK, DMF 1998 Jena-Schöngleina
Und es begab sich wieder wie jedes Jahr in diesen magischen Zeiten vor dem
Milenium, daß sich Hexen aus allen Teilen des weit gewordenen Landes
versammelten, um unter den Guten die Besten ihrer Zunft zu ermitteln.
Verstreut über das ganze Land zelebrieren sie sonst im Stillen ihre wundervollen
Kräfte. Gehören sie doch zu der Art der modernen Hexen, die sich nicht mehr des
unbequemen Besens bedienen wollen und nur im silbernen Mondlicht fliegen können.
Nein, neben all den wundersamen Fähigkeiten, die Hexen schon immer besaßen, ( was
ihnen einst oft den hitzigen Neid der mittelmäßigen Mitmenschen einbrachte )
begannen sie bei Tag, bequem, hoch, weit und lautlos zu fliegen.
Alle Geheimnisse der Winde und der Lüfte machten sie sich zu Eigen.
Studierten den Vogelflug bis ins kleinste Detail. Lernten gar viel
unverständliches Elek-Trik-Trik zu nutzen, stehen selbst mit himmlischen
Satelliten in Verbindung, die ihnen den Weg weisen sollen und lernten, für den
Bau ihrer neuen Fluggeräte, das geheimnisvolle klumpende Gießen von klebrigen
Stoffen in feinste Formen.
Zwei Beine zum erdverhafteten Fortbewegen genügten ihnen ebensowenig, wie der
alte, knorrige, leistungsschwache Besen. Sie wollten es den Vögeln gleich tun und
elegant kreisend, mühelos fliegen.
( Auch manch Männer versuchten in frühen Zeiten es ihnen gleich zu tun.
Man überliefert jedoch nur katastrophale Ergebnisse. So etwa die sattsam bekannte
Geschichte von Ikarus oder dem Schneider von Ulm etc. etc. etc...
Die meisten Mißgeschicke waren es wohl nicht einmal wert, überliefert zu werden.
Von den Altvorderen der heute versammelten Hexen sind keine dererlei
Peinlichkeiten überliefert.)
Als mit der Zeit der gleichgesinnten Hexen immer mehr wurden, ergab es sich, daß
man einmal im Jahr, wenn die Sonne im Zenit steht, sich an geheimen Orten
versammelt. Abgelegene, weite Plätze meist, die kein normaler Mensch sonst kennt,
nur Eingeweihte wissen um sie.
Nur selten verirrt sich ein ahnungsloses Geschöpf dorthin, so daß die Kreise der
emsigen Hexen ungestört bleiben. Dringt doch einmal ein unwissender Mensch zu
diesen heiligen Tummelplätzen vor, so bleiben ihm die Hexen meist unsichtbar,
versteckt in den Weiten des unendlichen Himmels fliegend oder unauffindbar
geduckt in unzugängliche Wiesen oder unerkannt in schummrigen Kneipen, weil gar
nicht abgeflogen.
Kommt es nun vor, daß solch ein Verirrter länger an diesen Kultstätten verweilt
und dem Treiben gar zuschauen kann, so gerät er meist schnell in den Bann der
Flughexenkunst und ist schon bald selbst ein ruheloser Wochenend-Zauber-Lehrling
- ein gar grausiges Schicksal, bis man die Magie der Hohen Kunst kennt.
So sind sie also wieder versammelt: bunt und schrill die furchtlosen Hexen, weiß
und elegant, albatrosgleich, die Zauberfluggeräte, deren sich die Elitehexen so
unglaublich gewandt zu bedienen wissen.
Ein großer Troß stellte sich ein, dem zweijährlichen Ruf der Hexen-Oberen
folgend.
Lange weiße Geräte-Kokons, beklebt mit wundersamen Zaubersprüchen und Symbolen,
fahrbare Wohnhöhlen mit allerlei Hausrat gefüllt und unzählige kleine
Nomaden-Zelte.
In letzteren hausen meist die bukligen Helfer der Hexen, krumm geworden beim
täglichen Wuchten der feinen Tragflügel und beim Schleppen der magischen Wasser,
die unter leisem Murmeln von unverständlichen Flüchen in die ausladenden
Filigranflügel gefüllt werden müssen.
Die Hände schwielig vom seligen Putzen der sensiblen Flügelhaut der
Zauberlibellen, auf denen die Hexen reiten.
Krummbeinig schließlich vom gelegentlichen Ausgraben der Geräte aus sumpfigen
Ackern, wo die Hexen meist wütend ihre Flugmaschinen abstellen, wenn sie es gar
zu bunt und leichtsinnig getrieben hatten, im Übermut der Beherrschung der
Urkräfte. Wenn sie etwa bei schon sinkender Sonne noch flogen oder gar wenn böse
Mächte den Wind entfesselt und den Regen losgelassen hatten, der
Zeremonienmeister den wilden Reigen in den lüften aber trotzdem angezettelt
hatte.
Dennoch folgen diese bemitleidenswerten Kreaturen dem Zug der Hexen zu den
kultischen Plätzen Jahr für Jahr auf´s Neue und helfen beim munteren
Kräftemessen, denn der Bann des Fliegens wirkt ebenso mächtig auf sie.
Welch Wunder !
Nun traf man sich in diesem wetterverfluchten Jahr auf dem Hochplateau der Stürme
und der zerissenen Wolken bei Schöngleina, wo wahrhaftig das schöne Wetter immer
kleina wurde ( oder schwäbische Übersetzung: "selbst bei schenem Wedder haudst di
glei na ! " ) - wo der Sommer selbst ein Märchen zu sein scheint.
Alle waren sie gekommen, um die Goldenen Steuerknüppel zu erringen.
Die Liste der der wunderlichen Hexennamen war lange: PAPA WHISKEY etwa, GOLF
MIKE, VIKTOR SIERRA, KILO, ALPHA DELTA...
Die Meisterinnen des letzten Jahres traten wieder an:
Gundula, die Schnellentschlossene bei den Normhexen
Maren, die Stille, bei den Sprinthexen
nur Rieke, die Überfliegerin bei den Minimalhexen, die einst bahnbrechende neu
Zaubersprüche eingeführt hatte wie " Pralle Masse", sie fehlte, den sie weilte
bei Zunftlehrgängen.
Und wieder waren da auch neue Hexen im Reigen mit dabei, wollten dem Wettfliegen
beiwohnen, um dem Kreis der Rasenden anzugehören.
Und sie stimmten das kräftige Gelächter des Selbstbewusstseins der Hexen an.
Hui hui hui ha ha ha ha ha !
Und dann treten alle tanzwilden und weindurstigen Hexen hinzu und singen ihr
Hexenlied und tanzen um das Feuer.
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