von Otto Lilienthal aus seinem Buch "Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst, 1943"
Oh, sieh' welche Wonne hier oben uns blüht,
Wenn wir kreisend schweben im blauen Zenith,
Und unter uns dehnt sich gebreitet
Die herrliche, sonnenbeschienene Welt,
Umspannt vom erhabenen Himmelszelt,
An dem nur Dein Blick uns begleitet!
Uns trägt das Gefieder; gehoben vom Wind,
Die breit gewölbte Fittiche sind;
Der Flug macht uns keine Beschwerde;
Kein Flügelschlag stört die erhabene Ruh'.
Oh Mensch, dort im Staube, wann fliegst auch Du?
Wann löst sich Dein Fuß von der Erde?
Und senkt sich der Abend und ruhet die Luft,
Dann steigen wir nieder im goldigen Duft,
Verlassen die einsame Höhe.
Dann trägt uns der Flügelschlag ruhig und leicht
Dem Dorfe zu, ehe die Sonne entweicht;
Dann suchen wir auf Deine Nähe.
So siehst Du im niedrigen Fluge uns zieh'n
Im Abendrot über die Gärten dahin.
Zum Neste kehren wir wieder.
Auf heimischem Dache da schlummern wir ein,
Und träumen von Wind und von Sonnenschein,
Und ruh'n die befiederten Glieder.
Doch treibt Dich die Sehnsucht im Fluge uns gleich
Dahinzuschweben im Lüftebereich,
Die Wonnen des Flug's zu geniessen,
So sieh' unsern Flügelbau, miss uns're Kraft
Und such aus dem Luftdruck, der Hebung uns schafft,
Auf Wirkung der Flügel zu schließen.
Dann forsche, was uns zu tragen vermag,
Bei unserer Fittiche mässigem Schlag,
Bei Ausdauer unseres Zuges!
Was uns eine gütige Schöpfung verlieh'n,
D'raus mögest Du richtige Schlüsse dann zieh'n,
Und lösen die Rätsel des Fluges.
Die Macht des Verstandes, oh wend' sie nur an,
Es darf Dich nicht hindern ein ewiger Bann,
Sie wird auch im Fluge Dich tragen!
Es kann Deines Schöpfers Wille nicht sein,
Dich, Ersten der Schöpfung, dem Staube zu weih'n,
Dir ewig den Flug zu versagen.
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