Sagenhaftes


Die Sehnsucht durch die Luft zu schweben,
gab es schon stets im Menschenleben.
Man lese nur mal die Berichte
aus Sage und aus Weltgeschichte.
Da sind zunächst die alten Götter.
Ob Sonne oder Regenwetter,
nein keine Mindestflugbedingung
verbot je ihrer Flügel Schwingung.
Die Töchter Odins, auch im Land
als Schwanenjungfern gut bekannt
betrieben damals eine Gattung
aeronautischer Bestattung.
Man trug die Helden die gefallen,
auf Schwanenflügeln nach Walhallen.



(Historisch liegt die Frage nah',
was mit gefallener Maid geschah!!!)

An dieser Stelle darf indessen
man auch des Wieland nicht vergessen,
der Schmied, den man gefangen setzte,
weil König Vydung das ergötzte.
Damit er aber nicht entfloh,
beschadigt man sein Fahrwerk so,
daß, wenn zum Start er an sich schickte,
sein Federbein zusammenknickte.
Und voller Groll mußt' er hienieden
für Vydung blanke Schwerter schmieden.
Jedoch für jede krumme Sache
gibt sich Gelegenheit zur Rache.
Der Wieland baut zur Schlafenszeit
sich heimlich still ein Federkleid.
Sein Werk erlaubte - sehr zu loben -
sogar den Senkrechtstart nach oben.
Zuvor jedoch noch hauchten eben
des Königs Söhne aus ihr Leben,
weil mit dem Dolche in der Brust
dasselbe keine reine Lust.
Auch keineswegs verzichten mocht' er
auf Königs Vydungs schöne Tochter.
Das arme Kind, noch unberührt,
kurz vor dem Start hat er's verführt
(was darum längst nicht Tradition
der iungen Fliegergeneration).
Als Wieland alles das erreicht,
ist er im Tiefstflug schnell entfleucht.

So kommen wir zum guten Schluß
zu Dädalus und Ikarus,
zwei Griechen, Vater und der Sohn,
die auch vom Fliegen träumten schon.
Aus Federn, Spucke, Wachs und Dingen,
die ein Profil zur Wölbung bringen,
erbauten sie sich auf die Schnelle
zwei schöne Schwingenflugmodelle.
Dieweil der Start so gut gelang,
man sich sogleich auf Höhe schwang.
Teils einzeln und teils im Verband
flog man vor Freude über Land
und kam auf diese Weise später
sehr schnell auf ein paar tausend Meter.
An dieser Stelle sicherlich
trennt Sage von der Praxis sich.
Im ersteren Fall erzählt man nämlich,
der Ikarus, der sei so dämlich
grad' in die Sonne reingeflogen.
Vor Hitze habe sich verbogen
das wachsverklebte Flügelding,
wonach es steil noch unten ging,
und Ikarus nun seinerseits
fiel dabei mächtig auf das Kreuz.
Jetzt kommt die technische Version.
Der Ikarus flog lange schon
in großer Höhe. Temperatur
war unter Null hier meistens nur,
was heute für uns klar beweist,
daß sein Vergaser war vereist.
Der Antriebskraft total beraubt
hat Ikarus darob geglaubt,
durch starkes Ziehen auszugleichen,
was ihm an Höhe tat entfleuchen.
So hing er dort im Weltenraume
wie eine reife Bühler Pflaume,
bis dann die Strömung abgerissen.
Da hat es ihn herumgeschmissen.
Es trudelte der Piloteur
erst steil, dann flacher immer mehr.
Der Dädalus sah voll Entsetzen
den Filius noch unten wetzen.
Es half kein Steuern und kein Schwenken,
an Rettung war nicht mehr zu denken.
Was dann geschah, ist längst bekannt:
Wahrscheinlich Tod durch Aufschlagbrand.
Und das Fazit hieraus ist eben:
Genügend Fahrt = halbes Leben!


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